Über Adolf Reichwein

  • 3.10.1898 in Bad Ems geboren
  • Schüler in Friedberg und Bad Nauheim
  • Kriegsteilnehmer, 1917 schwer verwundet Studium in Frankfurt und Marburg, Promotion
  • Leitung der Volkshochschule und Heimvolkshochschule in Jena
  • 1-jährige Forschungsreise nach Nordamerika
  • Publizistische Tätigkeit
  • Wissenschaftlicher Referent des Preußischen Kultusministers
  • Professur an der Pädagogischen Akademie in Halle
  • Eintritt in die SPD
  • 1933 Amtsenthebung durch das NS-Erziehungsministerium
  • Bis 1939 Beschäftigung an der 1-klassigen Dorfschule Tiefensee bei Berlin
  • Arbeit im Staatlichen Museum für Deutsche Volkskunde in Berlin
  • Kontakt zum Kreisauer Kreis, aktive Beteiligung an der Verschwörung zur Beseitigung Hitlers
    Verhaftung
  • 20.10.1944 Hinrichtung in Berlin-Plötzensee


Der Name Adolf Reichweins, der sich als Pädagoge und Politiker um die Verbindung von Arbeiterschaft und Intelligenz bemühte, wird von uns als Verpflichtung verstanden.

Ausführliche Biographie

Der Pädagoge Adolf Reichwein gehört zu den wenigen kulturpolitischen Leitfiguren, die im Osten wie im Westen Deutschlands ein Nachleben gefunden haben. Über 30 Schulen in der Bundesrepublik tragen seinen Namen und halten die Erinnerung wach an einen Mann, der als vorbildlicher Pädagoge ein Wegbereiter moderner Bildungspolitik war und als Mensch unbeirrbar im Glauben an Freiheit und Recht, an ein besseres Deutschland im Widerstand gegen die nationalsozialistische Herrschaft sein Leben opferte. Adolf Reichwein wirkte schon als Schüler aktiv in der Jugendbewegung mit. Im 1. Weltkrieg als 19jähriger schwer verwundet, beginnt er nach seiner Genesung im Dezember 1918 mit dem Studium der Geschichte, Philosophie und Volkswirtschaft erst in Frankfurt, dann in Marburg, wo er 1920 mit einer Arbeit über China und Europa. Geistige und künstlerische Beziehungen promoviert. Er übernimmt eine Tätigkeit als Sekretär des Ausschusses der Deutschen Volksbildungsvereinigung innerhalb des preußischen Kultusministeriums. Hier erhält er die Möglichkeit, unmittelbar für die Verwirklichung seiner Ideen und Ideale der Volksbildung - im wörtlichen Sinne als Bildung des Volkes gedacht - zu arbeiten. Wenig später kann er sie als Leiter der Thüringischen Volkshochschulen praktisch in die Tat umsetzen. So gründet er zum Beispiel das Jugendarbeiterwohnheim Am Beuthenberg bei Jena. In dieser Arbeit mit Studenten und mit den Arbeitern der Jenaer Zeiss-Werke gewann er jene sein Leben begleitende Verbindung mit allen Schichten des Volkes. 1926/27 unternimmt er eine Weltreise, die ihn nach Nord- und Südamerika, in den Fernen Osten und in die Südsee führt. Als Hauptertrag seiner Beobachtungen erscheint gleich nach seiner Rückkehr eine Untersuchung über die Rohstoffwirtschaft der Erde. Kleinere Publikationen tragen die zeittypischen Titel "Mexiko erwacht", "Blitzlicht über Amerika", "Erlebnisse mit Tieren und Menschen". 1929 macht ihn der preußische Kultusminister Carl Heinrich Becker, der ihn schon Jahre zuvor gefördert hatte, zu seinem Pressesprecher und persönlichen Referenten. Als die zunehmenden politischen Spannungen im Jahre 1930 den Minister zum Rücktritt bewogen - sein Nachfolger wurde der Nationalsozialist Bernhard Rust - blieben dem inzwischen der SPD beigetretenen Adolf Reichwein noch drei Jahre zur Ausübung eines Lehramtes für Geschichte und Staatsbürgerkunde an der neu gegründeten Pädagogischen Akademie in Halle, wo er zum Mittelpunkt fortschrittlich eingestellter Lehrer und Studenten wurde. Einer seiner Schüler berichtet über diese Zeit: Oft kamen wir in kleineren Gruppen in seinem Heim zusammen und sprachen über irgendwelche gerade akuten politischen oder wirtschaftlichen Themen aus dem Leben unseres Volkes, und immer war er bemüht, in uns das Verständnis für die Entwicklung unseres Volkes zu wecken, aber auch das Mitverantwortlichsein eines jeden für den anderen und für die Gesamtentwicklung uns klarzumachen.

Im April 1933 wurde Reichwein von den Nationalsozialisten wie alle dem NS-Staat unliebsamen Beamten seines Amtes enthoben, im September des gleichen Jahres an eine einklassige Dorfschule in Tiefensee (Kreis Freienwalde) zwangsversetzt. Hier in der Brandenburgischen Provinz fand er das Modell für seine schulpädagogischen Erneuerungsvorschläge. Auf Vortragsreisen setzt sich Reichwein für die Einführung des Werkunterrichts an den Schulen ein. Sein 1937 erschienener Bericht über Schaffendes Schulvolk wird zum Standardwerk, das auch nach 1945 noch mehrere Neuauflagen erlebte. Mit dem nationalsozialistischen System, das seine Bemühungen um ein lebenstüchtiges und werkfrohes Dasein der Schuljugend nicht guthieß, vermochte sich Reichwein auf Dauer nicht zu arrangieren. Die Herzlandschaft blieb immer, wie es dem Menschen bestimmt ist, das Gewissen, schrieb er im Mai 1943.

Reichwein begann, mitgerissen vom Grafen Stauffenberg, den konspirativen Widerstand zu planen. Er wirkte aktiv im Kreisauer Kreis um Helmuth von Moltke mit, in dem es nicht nur um den äußeren Staatsstreich gegen Hitler ging, sondern auch um gesellschaftliche Neugestaltung Deutschlands und Europas nach Beendigung des Krieges im Geiste eines christlichen Humanismus, den man mit den Ideen des Sozialismus verbinden wollte. Bei einer programmatischen Kontaktaufnahme mit einer kommunistischen Widerstandsgruppe wurde Reichwein in der Nacht vom 4. zum 5. Juli 1944 - also noch vor dem mißglückten Attentat auf Hitler vom 20. Juli - verhaftet, drei Monate später vom Volksgerichtshof unter Roland Freisler am 20. Oktober zum Tode verurteilt und noch am gleichen Tag hingerichtet.

Am 11. Mai 1962 erhielt die Städtische Gewerbliche Berufs- und Berufsfachschule in Marburg in Anwesenheit von Frau Rosemarie Reichwein den Namen Adolf-Reichwein-Schule.

Die obige Darstellung beruht im wesentlichen auf einer Würdigung Adolf Reichweins in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 14.11.1978 anläßlich einer Gedächtnisausstellung, die das Berliner Museum für Deutsche Volkskunde, in dessen Schausammlung Adolf Reichwein 1939 pionierhaft eine Abteilung Schule und Museum einrichtete, seinem Lebenswerk gewidmet hatte.